Nachhaltige Großevents im Wintersport Wenn Gänsehaut-Momente klimafreundlich organisiert werden
Wenn Gänsehaut-Momente klimafreundlich organisiert werden
Voller Zieleinlauf, Flutlicht, Fahnen, Stadionatmosphäre – große Wintersport-Events sind Emotion pur. Was man als Fan selten sieht: Hinter jedem dieser Gänsehaut-Momente steckt ein riesiger organisatorischer Aufwand – mit Verkehr, Bauten, Energie, Catering, TV-Produktion und tausenden Menschen vor Ort.
Die entscheidende Frage lautet: Kann eine Weltmeisterschaft sportlich groß und gleichzeitig ökologisch verantwortungsvoll sein?
Zwei Veranstaltungen zeigen eindrucksvoll, dass es geht: Die FIS Nordische Ski-WM Oberstdorf/Allgäu 2021 und die BMW IBU Biathlon-WM Oberhof 2023. Beide haben umfassende Nachhaltigkeitsberichte vorgelegt – und liefern damit eine konkrete Blaupause für zukünftige Großevents im Schnee.
Oberstdorf 2021 – Weltmeisterschaft mit Selbstverpflichtung
Die WM 2021 war die erste nordische WM, die ihre Nachhaltigkeitsstrategie systematisch an der UN-Agenda 2030, der Bayerischen Nachhaltigkeitsstrategie und den DSV-Zielen ausrichtete.
Bereits 2018/19 legte das Organisationskomitee sieben Leitlinien der Selbstverpflichtung fest, darunter:
Faktenklarheit, Partizipation und Transparenz – um Vertrauen zu schaffen.
Entwicklung moderner Wintersportanlagen für die Zukunft.
Überzeugender Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz.
„Umweltfreundlicher Verkehr – die Weltmeisterschaften der kurzen, barrierearmen Wege“.
„Für ein gesundes und aktives Oberstdorf“ – also Nutzen für die Bevölkerung.
„Nordic Zentrum Oberstdorf/Allgäu für alle“ – barrierearm und ganzjährig nutzbar.
Verbindlichkeit und Umsetzung der Maßnahmen.
Darauf aufbauend wurden sechs Handlungsfelder definiert: Selbstverpflichtung & Management, Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, nachhaltige Sportentwicklung & Nachnutzung, Klimaschutz & Energie, nachhaltige Mobilität sowie Ehrenamt & regionale Wertschöpfung.
Natur schützen statt verbrauchen
Besonders deutlich wird das beim Umgang mit der sensiblen Berglandschaft:
Naturschutzgebiete, Bergschutzwald und Biotopflächen bleiben unberührt
Wenige, notwendige Eingriffe wurden kompensiert, Flächen wieder naturnah begrünt und zusätzliche Aufforstungen vorgenommen.
Neue oder modernisierte Anlagen wurden so geplant, dass sie dauerhaft genutzt werden können – als Trainingszentrum, Freizeitgelände und Veranstaltungsort, nicht nur für zwei WM-Wochen.
Das Ergebnis: keine temporären Event-Bauten, sondern nachhaltige Sportstätten mit echtem regionalem Nutzen.
Kurze Wege für eine starke Region
Die WM verstand sich bewusst als „Weltmeisterschaft der kurzen Wege“ und setzte auf ein kompaktes Konzept:
Bewegung zwischen Wettkampfstätten größtenteils zu Fuß oder per Shuttle
Starke Einbindung regionaler Betriebe
Förderung lokaler Wertschöpfung
Das Konzept war so überzeugend, dass die WM beim IBU Sustainability Award unter die Finalisten kam.
Oberhof 2023 – Biathlon-WM mit Mobilitäts-Offensive
Drei Jahre später wurde in Oberhof ein weiterer Meilenstein gesetzt. Die Biathlon-WM 2023 veröffentlichte einen umfangreichen Nachhaltigkeitsbericht unter dem Titel
„Kompetenzen für eine nachhaltige Zukunft“, erarbeitet von der Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS), der Oberhofer Sport und Event GmbH und der DSV Verwaltungs GmbH.
Der Bericht ist klar strukturiert – unter anderem in die Bereiche:
Entwicklung & Nutzung bestehender Sportanlagen
Zukunftsfähige Sportstätten, Energie & Klimaschutz
Ressourceneffizientes Schneemanagement
Ehrenamtliches Engagement
Soziales, Nachwuchsförderung & inklusive Angebote
Nachhaltiges Mobilitätskonzept
Ressourcenschonung & Abfallmanagement
Ökologische Ausgleichs- & Ersatzmaßnahmen
Das Herzstück: Das nachhaltige Mobilitätskonzept
Mobilität ist der größte Emissionstreiber – und genau hier setzt Oberhof an.
Die wichtigsten Bausteine:
ÖPNV inklusive: Im WM-Ticket war die kostenfreie Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im Umkreis von 50 km (u. a. Erfurt, Bad Neustadt, Wernshausen) enthalten.
Shuttles von der Bahn: Der nächste Bahnhof (Zella-Mehlis) liegt rund 10 km entfernt – deshalb fuhren kostenlose Pendelbusse bis 22:30 Uhr zwischen Bahnhof, P+R-Parkplätzen und Sportstätten.
Über 11.000 P+R-Stellplätze in der Region entlasteten Oberhof vom Individualverkehr, im Ort selbst wurden keine Parkmöglichkeiten angeboten.
Für Akkreditierte stand eine Fahrzeugflotte mit emissionsarmen – darunter elektrischen – Fahrzeugen zur Verfügung. Zusätzlich waren rund 25 Kleinbusse im Einsatz, um möglichst effizient zu transportieren.
Für Fanreisen wurden zentrale Bus-Haltestellen eingerichtet. Pro Tag rechnete man mit 40–50 Fanbussen, die ebenfalls zur CO₂-Reduktion beitrugen.
Kurz gesagt: Oberhof verwandelte ein potenzielles Verkehrsproblem in ein komfortables Mobilitätsprodukt – klimafreundlich und fanfreundlich zugleich.
Mehr als nur Verkehr: Energie, Schnee und Soziales
Der Bericht legt außerdem dar, wie die WM mit anderen zentralen Nachhaltigkeitsthemen umgeht:
Bestehende Sportanlagen wurden modernisiert statt neu gebaut – ganz im Sinne „Bestand vor Neubau“.
Sportstätten, Energie & Klimaschutz: Optimierung der Energieeffizienz, Einsatz von Ökostrom, moderne Beleuchtung.
Ressourceneffizientes Schneemanagement: gezielte Beschneiung, angepasste Loipenführung, Vermeidung von Überproduktion.
Soziales & Inklusion: Angebote für Nachwuchs, Schulen, Menschen mit Behinderung und ehrenamtliche Strukturen in der Region.
Das Projekt wurde beim SPOBIS Award 2023 im Nachhaltigkeitsbereich ausgezeichnet bzw. unter die Preisträger gewählt.
Was macht diese Events wirklich „nachhaltig“?
Oberstdorf 2021 und Oberhof 2023 unterscheiden sich in Sportart, Topografie und Struktur. Aber sie teilen einige entscheidende Prinzipien, aus denen andere Veranstalter konkret lernen können.
1. Bestand vor Neubau
Beide Events setzen konsequent auf die Weiterentwicklung bestehender Sportstätten.
Für Veranstalter heißt das:
Prüfen, welche bestehenden Anlagen sich anpassen lassen.
Neue Bauten nur dort, wo sie langfristig und vielfältig genutzt werden.
Schon in der Planungsphase mitdenken: „Was passiert mit dieser Anlage nach dem Event?“
2. Natur als Partner – nicht als Kulisse
Oberstdorf hat klar definiert, dass Naturschutzgebiete, Bergschutzwald und Biotope frei von Eingriffen bleiben. Eingriffe wurden kompensiert, Flächen renaturiert und aufgeforstet.
Oberhof setzt auf ökologische Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen im Umfeld der Sportstätten.
3. Mobilität als größter Hebel
Beide Veranstaltungen erkennen: An- und Abreise sind der Hotspot der Emissionen.
Vorbilder:
Oberstdorf: „Weltmeisterschaft der kurzen Wege“ – viel zu Fuß, regionaler ÖPNV, kompakte Austragungsorte.
Oberhof: WM-Ticket als ÖPNV-Ticket, großflächige P+R-Angebote, konsequentes Zurückdrängen des Individualverkehrs im Ort.
4. Energie & Klima strategisch denken
Sowohl Oberstdorf als auch Oberhof verankern ihre Maßnahmen in übergeordneten Strategien:
DSV-Nachhaltigkeitsstrategie 2030 und Zielbilder des Verbandes.
Anbindung an die deutschen und bayerischen Nachhaltigkeitsstrategien und die UN-SDGs.
Im Biathlon-Kontext zusätzlich: die IBU als Mitglied von UN Sports for Climate Action und der Initiative Race to Zero, ausgezeichnet mit dem Dow Carbon Action Award.
Das sendet ein klares Signal: Nachhaltigkeit ist kein „Side-Projekt“, sondern Teil der Sportpolitik.
5. Gesellschaftliche Wirkung, Ehrenamt & Nachwuchs
Beide Events verstehen sich als Impulsgeber für ihre Regionen:
Ehrenamtliche Strukturen werden geschult und gestärkt
Programme für Kinder, Jugendliche und Schulen fördern Bewegung, Naturbezug und Nachhaltigkeitsbewusstsein – angelehnt etwa an Bildungsprogramme wie ticket2nature, die ebenfalls von der SIS getragen werden.
So bleiben von der WM nicht nur Tribünen zurück, sondern Kompetenzen, Netzwerke und Haltungen.
Was können andere Veranstaltungen also davon lernen?
1. Einen echten Nachhaltigkeitsbericht planen
Nicht erst am Ende „ein paar Seiten schreiben“, sondern von Anfang an Kennzahlen, Maßnahmen und Ziele mitdenken – so wie in Oberstdorf und Oberhof.
2. Mindestens drei Schwerpunktfelder definieren
Statt alles ein bisschen zu machen, lieber klar fokussieren:
Mobilität
Energie & Schnee
Natur & Nachnutzung
Und diese Felder dann sichtbar kommunizieren.
3. Fans und Teams einbeziehen
Nachhaltige Anreiseoptionen, Mehrwegkonzepte, Bildungsangebote, Transparenz über den CO₂-Fußabdruck – all das funktioniert nur, wenn Fans und Aktive mitgenommen werden. Oberhof zeigt z. B. wie Ticket + ÖPNV + Shuttle zu einem runden Paket werden.
Große Events – große Verantwortung, große Chance
Oberstdorf 2021 und Oberhof 2023 zeigen: Große Wintersportveranstaltungen können Leuchttürme für Nachhaltigkeit sein – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Größe.
Sie zeigen, dass:
Natur geschützt und dennoch hochklassiger Sport ausgetragen werden kann
Mobilität clever organisiert statt zum Klimakiller wird
Energie, Schnee und Infrastruktur langfristig der Region dienen
Profiwintersport ein starkes Signal Richtung Klimaschutz aussendet
Für Fans bedeutet das:
Man kann jubeln, feiern und Gänsehaut spüren – und gleichzeitig wissen, dass im Hintergrund alles dafür getan wird, damit der Winter, den wir lieben, eine Zukunft hat.
Quellen
Nachhaltigkeitsbericht FIS Nordische Ski-WM Oberstdorf 2021
Nachhaltigkeitsreport Nordische Ski-WM 2021 (Oberstdorf)
Workshops Sustainability – IBU / Climate Action
Nachhaltigkeitsbericht Biathlon-WM Oberhof 2023
SPOBIS Award – Nachhaltigkeitsmanagement Oberhof 2023
Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS) – Forschung & Entwicklung